Expatriate Intelligencer

  • 08:28:31 pm on January 28, 2008 | 2

    Stolpersteine in Vilshofen

    Die Passauer Neue Presse berichtet am 28.1.2008:

    Ein alltäglicher Anstoß, sich zu erinnern
    „Stolpersteine“ zum Gedenken an jüdische Mitbürger – Aktion am „Tag der Opfer des Nationalsozialismus“

    Vilshofen. „Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird blind für die Zukunft.“ Mit diesem Zitat des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hat Bürgermeister Hans Gschwendtner die Aktion „Stolpersteine“ überschrieben, mit der gestern in Vilshofen jüdischer Familien gedacht wurde, die dem Terror des Naziregimes zum Opfer gefallen waren. Am „Tag der Opfer des Nationalsozialismus“ wurden am Stadtplatz und in der Vilsvorstadt Gedenksteine in den Gehweg eingelassen, deren Inschrift auf das Schicksal der jüdischen Mitbürger hinweist.
    1894 war die Familie Finger aus Böhmen nach Vilshofen gekommen und hatte in der Vilsvorstadt ein Textilgeschäft eröffnet. Sehr bald integrierte sich die Familie in das Gesellschafts- und das Vereinsleben und erwarb sich Hochachtung. Nachdem die antisemitische Stimmung immer bedrohlicher wurde, verließ die Familie Finger zwischen 1934 und 1939 Vilshofen. Der jüngste Sohn Bruno wurde während des Krieges in Frankreich auf dem Weg in ein anderes Exilland getötet.
    Nicht weniger beliebt und geachtet waren Adolf und Hannchen Haag, die 1913 nach Vilshofen gekommen waren und in das Geschäft Altbaier (spätere Strickerei Huber am Stadtplatz), einem beliebten Einkaufsziel der Stadt, eingetreten sind. 1940 verließ das Ehepaar Haag die Stadt, kam zunächst nach Nürnberg, dann nach Regensburg und wurde von dort in ein Konzentrationslager nach Polen deportiert. Zwei Gedenksteine wurden in das Pflaster vor dem Eingang des heutigen Geschäftshauses eingelassen.
    Seit dem Jahr 2000 arbeitet der Kölner Künstler Gunter Demnig an dem Projekt „Stolpersteine“. Vilshofen ist europaweit bereits die 300. Stadt und die erste in Niederbayern, in der er seine Gedenksteine gesetzt und die Idee, dauerhaft an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern, tausendfach umgesetzt hat.
    „Mich persönlich hat diese Idee sofort fasziniert“, versicherte Bürgermeister Hans Gschwendtner gestern bei der Gedenkstunde im alten Rathaussitzungssaal. „Ein einfacher Gedenkstein mit einer Schriftplatte aus Messing auf dem Gehsteig als Erinnerung an einen Menschen, der hier einmal gewohnt hat, unser Mitbürger war und zu einem der Millionen von unschuldigen Opfern einer planmäßig betriebenen Vernichtung wurde“.
    Der Bürgermeister erinnerte an „angesehene Geschäftsleute, beliebte Nachbarn und engagierte Vereinsmitglieder, aufgeschlossene Arbeitgeber und liebe Klassenkameraden, Männer, Frauen und Kinder, die Vilshofen als ihre Heimatstadt geliebt und sich hier wohl gefühlt haben“.
    Dieses Kapitel deutscher Geschichte dürfe nicht nur im Stadtarchiv abgelegt werden, sagte Gschwendtner. Das Erinnern daran bedürfe alltäglicher Anstöße, wie sie diese „Stolpersteine“ geben wollen, „Impulse für uns und die Generationen nach uns, aber auch Momente des Erinnerns und des Gedenkens. Indem wir uns der Vergangenheit stellen, können wir die Zukunft gestalten. Und wo ist das persönlicher und direkter zu spüren als in unserer unmittelbaren Umgebung, in unserer Heimatstadt?“ So sollen die drei Gedenksteine aber auch gedankliche Stolpersteine sein, die uns aufmerksam bleiben lassen für jede Gefahr, die unserer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft drohen könnten.
    Aktionskünstler Gunter Demnig freute sich über das große Interesse, das die Öffentlichkeit seinen Aktion entgegen bringt, nicht nur in Vilshofen. Besonders auch die Jugend, so versicherte er, stehe der Aktion „Stolpersteine“ aufgeschlossen gegenüber. Der Gedenkstunde im Rathaussaal wohnten neben offiziellen Stadt-Vertretern auch zahlreiche geschichtsinteressierte Bürger bei.

    Sehr gute Aktion! Endlich erinnert man sich auch in Vilshofen an die Opfer der Deutschen, und nennt ihre Namen und erzählt man sich ihre Lebensgeschichte. Wie Bruno Finger sowie Adolf und Hannchen Haag, gibt es noch viele anonyme NS-Opfer auch in Ostbayern zu entdecken. Helft mit!

    hattip: http://www.stolpersteine.com, Stolpersteine im Bezirk Braunau am Inn

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Comments

  • Anna Rosmus 10:40 pm on February 25, 2015 | #

    Why was Flora Altbaier, the unmarried sister of Hannchen Haag left out? She lived in the same house, and was “slapped” with a substantial “Jew tax” in 1939 before she was forced out of town, deported and perished – just like Adolf Aron and Hannchen Haag.

  • expat 7:16 pm on February 28, 2015 | #

    Hello Anna, good question. I think a good idea in this issue would be to contact inschriften(at)stolpersteine.eu.


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